Bauliche Spuren Jüdischen Lebens in Harmuthsachsen

In Harmuthsachsen, einem Ortsteil von Waldkappel im Werra-Meißner-Kreis, gab es seit dem 17. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde. In der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) wurde die Gemeinde ausgelöscht. Es sind jedoch zahlreiche bauliche Spuren erhalten, die an das jüdische Leben im Dorf erinnern. Ein Seminar der Universität Kassel (Architekturtheorie und Entwerfen) hat in Zusammenarbeit mit den „Freundinnen und Freunden jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis e.V.“ diese Spuren dokumentiert. Sie werden mit dieser Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Mit freundlicher Unterstützung von:


• Landesamt für Denkmalpflege Hessen
• Untere Denkmalschutzbehörde (Werra-Meissner-Kreis)
• Architekturbüro Koch (Kassel)

Mitwirkende:


Dr. Martin Arnold
Fachgebiet Architekturtheorie und Entwerfen
Prof. Dr. Philipp Oswalt

Lehrender: Georgios Varelis
Studierende: Cora Gemmerich, Elena Grundmann, Emily Geminger, Dominik Müller, Klara Cancar, Sabine Brede, Shayan Seyed

Grafik: Ida Reuter, Jonas Gärtner
Fotos: Dominik Müller, Elena Grundmann
Layout: Georgios Varelis

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Jüdisches Leben im ländlichen Raum

In der frühen Neuzeit (ca. 16.–18. Jahrhundert) wurden Juden in vielen deutschen Städten und Territorien verfolgt und vertrieben. Diese Vertreibungen setzten eine Entwicklung fort, die bereits im Spätmittelalter begonnen hatte. Viele Juden wanderten nach Osteuropa aus, wo sie neue Gemeinden gründeten. Einige blieben hier und ließen sich in Dörfern und Kleinstädten nieder, wenn eine Obrigkeit Schutz gewährte. So entstand auch in Hessen eine große Zahl jüdischer Gemeinden.


Orte Jüdischen Lebens in Harmuthsachsen

Im 17. Jahrhundert litt die Region Werra-Meißner unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Das Adelsgeschlecht der Herren von Hundelshausen, das über Besitz und Rechte in Hundelshausen, Harmuthsachsen, Küchen und Wollstein verfügte, erlaubte jüdischen Familien die Ansiedlung in Harmuthsachsen, um die Dorfentwicklung zu fördern. Durch den Verkauf von „Schutzbriefen“ gewährte es den Juden gewisse Rechte und erzielte im Gegenzug neue Einnahmen.
Doch die jüdische Minderheit war rechtlich diskriminiert. Sie durfte sich weder ihren Wohnort selbst wählen noch Land besitzen oder Handwerk ausüben. So blieb den Juden im Wesentlichen nur der Handel. Die Harmuthsächser Juden waren überwiegend herumziehende Händler und Kaufleute mit kleinen Ladengeschäften.

Die Synagoge

Im 19. Jahrhundert erlangten Juden nach und nach mehr Rechte. Nachdem sich die Gemeinde über lange Zeit in privaten Räumen zum Gottesdienst getroffen hatte, konnte sie im Jahr 1833 eine Synagoge einrichten. Sie kaufte zu diesem Zweck eine Scheune, die bereits im 17. Jahrhundert errichtet worden war, und baute sie zur Synagoge um.
Darüber hinaus kaufte sie auch ein Wohnhaus, das neben der Synagoge stand, als Wohnung für den jüdischen Lehrer, der zugleich als Vorsänger den Synagogengottesdienst leitete und als „Schochet“ für die rituellen Schlachtungen zuständig war. Nur so war die Versorgung mit „koscherem“ Fleisch möglich. In seiner Wohnung erteilte der Lehrer auch jüdischen Religionsunterricht.
So entstand mitten im Ort und unweit der Kirche ein kleines jüdisches Gemeindezentrum.

Israelitische Elementarschule

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Zahl der jüdischen Kinder immer größer. In der Dorfschule kam es zu Konflikten zwischen jüdischen Kindern und dem christlichen Lehrer, besonders im christlichen Religionsunterricht.
Der mit der Schulaufsicht betraute Pfarrer regte deshalb die Einrichtung einer eigenen jüdischen Elementarschule an, die dann im Jahr 1863 eingerichtet wurde. Als Schulraum diente zunächst eine 20qm große Stube in einem Bauernhaus, die von der jüdischen Gemeinde angemietet wurde.
Erst im Jahr 1891 erwarb die jüdische Gemeinde ein Haus in der Bilsteinstraße 12, in dem fortan nicht nur der Unterricht stattfand, sondern auch der jüdische Lehrer wohnte. Diese Schule bestand bis zum Jahr 1924. Dann musste sie wegen der geringen Zahl an jüdischen Kindern aufgehoben werden.

Die jüdischen Friedhöfe

Die Anlage eines ersten jüdischen Friedhofs gegen Ende des 17. Jahrhunderts markiert die Entstehung einer jüdischen Gemeinde in Harmuthsachsen. Der Friedhof wurde weit außerhalb des Dorfes auf dem Rauschenberg angelegt, einem bewaldeten Hügel innerhalb des Gutsbezirkes. Zwischen 1690 und 1903 bestatteten die Harmuthsächser Juden dort ihre Familienangehörigen. 1938 waren noch 75 Gräber vorhanden.

Dann legte die jüdische Gemeinde einen neuen Friedhof an, der näher am Dorf lag. Der neue Friedhof liegt heute an der Straße “Am Mantelsrain”. Er wurde von 1907 bis 1935 belegt. 1938 befanden sich auf ihm 23 Gräber.

Die jüdische Gemeinschaft in Harmuthsachsen wuchs im 18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an. Sie erreichte im Jahr 1861 ihren zahlenmäßigen Höhepunkt mit 130 Mitgliedern. Dies entsprach etwa einem Viertel der damaligen Dorfbevölkerung. Danach ging die Zahl jedoch wieder stark zurück, weil viele jüngere Juden in die Städte zogen oder auswanderten. Im Jahr 1933 lebten nur noch 30 jüdische Personen in Harmuthsachsen.

Wohnhäuser in jüdischem Besitz

Die nebenstehende Skizze zeigt, dass die Harmuthsächser Juden nicht in einem abgesonderten Wohnviertel des Dorfes („Ghetto“) lebten, sondern in vielen Nachbarschaften mit der nichtjüdischen Bevölkerung.
Besondere Schwerpunkte bildeten die Hauptstraße (heutige Bilsteinstraße) und ein Kranz von Häusern rund um die evangelische Kirche. Man kannte sich, die Kinder spielten miteinander, man kaufte in den jüdischen Geschäften ein oder traf sich im Wirtshaus.


Orte Jüdischen Lebens in Gudensberg:
Ein Vergleich in der Region

Die Stadt Gudensberg im Schwalm-Eder-Kreis hatte seit dem 17. Jahrhundert eine stetig aufblühende jüdische Gemeinde. So sind die ersten Juden in Gudensberg beispielsweise zwischen 1591 und 1664 nachgewiesen. Sie waren Schutzjuden und unterlagen in landgräflichen Gebieten strengen Reglementierungen, die ihren Wohnsitz, den Erwerb von Grundstücken und ihre Berufswahl betrafen. Zudem wurde die Ausübung ihrer Religion oft reglementiert. Für einen Schutzbrief, der ihnen das Recht zur Niederlassung gewährte, mussten sie zuerst Schutzgelder zahlen.

Zwischen den Jahren 1788 und 1807 fanden vier der sogenannten Judenlandtage in Gudensberg statt. Bei diesen Versammlungen standen Besprechungen zu religiösen und steuerlichen Angelegenheiten im Mittelpunkt.
An jüdischen Gemeindeeinrichtungen in Gudensberg bestanden eine Synagoge (gebaut von 1840 bis 1843, genutzt von 1843 bis 1937), eine Schule (1825-1934), sowie ein Friedhof in Obervorschütz. Schon seit 1714 fanden regelmäßig Gottesdienste in Gudensberg in sogenannten “Bethäusern” statt.

Die Synagoge von Gudensberg

Die ehemalige Synagoge in Gudensberg ist ein großer, zweigeschossiger, massiver Steinbau in einer Art neuromanischem Stil, mit besonderen Elementen, wie Treppengiebeln und Rundbogenfenstern. Das Eingangsportal wird von rotem Sandstein umrahmt.

Erbaut wurde sie von 1840 bis 1843 unter der Planung des Kasseler Architekten Albrecht Rosengarten, welcher auch an der Errichtung von Synagogen in Kassel und Hamburg beteiligt war. Im Jahr 1843 wurde die Synagoge in der Hintergasse eingeweiht und von dort an bis zu ihrer Schließung 1937 durch die Nationalsozialisten genutzt.

Nach ihrem Verkauf an einen Gudensberger Bäcker, zusammen mit anderen jüdischen Häusern im Jahr 1938, wurde die Synagoge als Lagerhalle genutzt, bis sie schließlich 1985 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Nach 1945 wurde das Gebäude noch einmal neu verputzt und saniert, auch neue Fensterscheiben wurden eingesetzt.

1995 wurde aus der ehemaligen Synagoge, nach dem Erwerb durch die Stadt Gudensberg (1991), ein Kulturhaus, in dem noch heute Bruchstücke ihrer Geschichte ausgestellt werden.
An der Rückseite im Osten befinden sich drei größere Rundbogenfenster, sowie ein Hintereingang. Auf der Seite, die nach Norden ausgerichtet ist, gibt es insgesamt vier weitere Rundbogenfenster, jeweils zwei im Erdgeschoss und Obergeschoss.

Der jüdische Friedhof von Gudensberg

Der Friedhof der ehemaligen jüdischen Gemeinde befindet sich in kurzer Entfernung von Gudensberg in Obervorschütz. Er diente sowohl für Gudensberg, Maden und Obervorschütz als auch für die Orte Riede, Dorla, Kirchberg und Lohne als Begräbnisort. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Friedhof auch noch von den Orten Felsberg, Altenburg, Gensungen, Niedenstein und vielen weiteren genutzt.

Aus dem Grabsteinregister, welches im Jahre 1937 von Baruch Wormser angelegt wurde, lässt sich entnehmen, dass die ältesten Grabsteine des Friedhofes aus dem Jahre 1736 stammen. Die Gesamtzahl der Gräber liegt bei 425. Die letzten Beerdigungen wurden auf diesem Friedhof bis etwa 1935 abgehalten.

Die jüdische Schule

Die ehemalige jüdische Volksschule mit Lehrerwohnung, welche sich unmittelbar neben der Synagoge befindet und sogar durch eine Tür mit dieser verbunden ist, gilt als eine der ältesten jüdischen Volksschulen in ganz Niederhessen.

Die ersten Informationen über dieses Gebäude reichen bis 1825 zurück.

1876: 26 Schüler
1882: 48 Schüler
1905: 27 Schüler
1908: 22 Schüler
1927: 6 Schüler

1934 wurde die Schule aufgelöst und von den Nationalsozialisten geschlossen.

Die Entwicklung der jüdischen Gemeinde

Viele jüdische Bewohner wanderten nach 1933 aus. So gab es sieben Personen, die in die USA auswanderten, vier zogen nach Brasilien und eine Person wanderte nach Holland aus. Viele der übrigen Personen zogen innerhalb Deutschlands nach Frankfurt (14 Personen), Hamburg (8 Personen) oder Kassel (48 Personen) weiter. Im Vergleich zu der Einwohnerzahl von Harmuthsachsen, lässt sich hier feststellen, dass beide Gemeinden gegen Mitte der 1830er Jahre – auf die jüdische Einwohnerzahl bezogen –, eine ähnliche Einwohnerdichte besaßen. Diese Anzahl wurde in Gudensberg mit den Jahren noch merklich höher. Wobei die Anzahl der jüdischen Mitglieder der Gemeinde Harmuthsachsen, zu einem ähnlichen Zeitpunkt ihren Höhepunkt erreichte, sich jedoch nicht im gleichen Umfang erhöhte wie die von Gudensberg.

Vergleich zu Harmuthsachsen

Die meisten Juden in Harmuthsachsen waren Händler und Kaufleute. In Gudensberg fiel die Berufs- und Sozialstruktur etwas weiter gefächert aus. So gab es beispielsweise Buchbinder, Metzger sowie auch Schuh und Kammmacher, viele von ihnen hielten nebenbei noch landwirtschaftliche Flächen oder Gartengrundstücke.

Zu beobachten ist, dass beide Synagogen eher entfernt von der Straße stehen. Doch erbaut wurden sie in unterschiedlichen Stilen. So weist die Synagoge in Gudensberg, welche von 1840 bis 1843 in der Hintergasse erbaut wurde, eine Bauweise im neuromanischen Stil mit massiver Steinfassade auf. Nachdem sie im Jahr 1938 verkauft wurde, diente sie als Lagerhalle.
Die Synagoge in Harmuthsachsen hingegen wurde 1833 aus einer ehemaligen Scheune erst zur Synagoge umgebaut. Das Gebäude ist ein Fachwerkbau und liegt in einem Hinterhof. Auch im Jahr 1833 wurde an die ehemalige Scheune eine Apsis in Richtung Jerusalem sowie auch ein Dachreiter angebracht. 1936 wurde die jüdische Gemeinde in Harmuthsachsen aufgelöst, doch bis dahin diente die Synagoge dort als Zentrum des jüdischen Lebens. Anschließend wurde sie ab 1938 wieder zu einer Scheune umfunktioniert. Im Gegensatz Harmuthsachsens, in dem zwischen einem alten Friedhof, weiter entfernt im Wald, umgeben von unzähligen Bäumen und daher nur schwer zugänglich, und einem neuen jüdischen Friedhof unterschieden wird, gibt es in der Umgebung von Gudensberg nur einen Friedhof in Obervorschütz, auf dem jedoch auch zwischen einem älteren und einem neueren Abschnitt unterschieden wird.

Beide Orte ähneln sich im geschichtlichen Ablauf und dem Zerfall ihrer jüdischen Gemeinden. In beiden Orten entstand schon im 17. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde. Sowohl Gudensberg als auch Harmuthsachsen blicken auf eine lange Geschichte zurück. Im 19. Jahrhundert erreichten beide jüdischen Gemeinden in den Orten ihren Höhepunkt, 1861 hatte Harmuthsachsen 130 jüdische Einwohner, in Gudensberg lag der Höhepunkt im Jahr 1871 bei 194 jüdischen Mitgliedern in der Gemeinde.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann eine Zeit der Verfolgung und Zerstörung, die für beide Gemeinden das endgültige Ende besiegelte.
Viele wanderten aus und verließen ihr Zuhause, andere wurden verfolgt, misshandelt und vertrieben.


Bauliche Entwicklungen der Synagoge

1. Ursprünglich eine Scheune

Das 1833 eingeweihte Synagogengebäude war ursprünglich eine alte Scheune. Das Fälldatum der Eckbalken konnte auf das Jahr 1669 datiert werden.
Das Grundstück, auf dem die Scheune und das zugehörige Lehrerhaus standen, gehörte nach einer Dorfkarte von 1724 ursprünglich zu einem Bauerngut der Herren von Hundelshausen.

2. Umgestaltung zur Synagoge

Seit den 1820er Jahren verfolgte die jüdische Gemeinde die Absicht, eine neue Synagoge und eine Wohnung für den Lehrer zu erbauen. Dazu reichte sie eine Planungsskizze und einen Kostenvoranschlag des Landbaumeisters Johann Friedrich Matthei ein. Doch es wurde keine neue Synagoge errichtet, sondern die Scheune zur Synagoge umgestaltet, vielleicht aus finanziellen Gründen. An der Ostseite wurde eine Rundung angebaut, die den Thoraschrein aufnahm. Um das Gebäude von einer Scheune oder einem Wohngebäude auch äußerlich abzusetzen, wurden großflächige Sprossenfenster mit einem bogenförmigen oberen Abschluss eingebaut. Ohne Erlaubnis der Regierung wurde nach dem Entwurf des Zimmermeisters auch ein Dachreiter errichtet. In der Synagoge wurde eine hufeisenförmige Frauenempore eingebaut, die über eine Treppe zugänglich war. In der Mitte des Raumes wurde ein erhöhtes Pult für die gottesdienstlichen Lesungen hinzugefügt („Bima“ bzw. „Almemor“). Der Innenraum wurde mit tiefblauer Farbe ausgemalt.

3. Umnutzung als Scheune

In der Nachkriegszeit nutzte Heinrich Mengel I. die Synagoge, um darin Heu, Stroh und Geräte unterzubringen. Irgendwann ging der Besitz auf Heinz Kühlborn über, den Schwiegersohn von Heinrich Mengel. Etwa 1985 wurden alle Immobilien an das Ehepaar Johannes und Ramona Tschampel verkauft, das keine Landwirtschaft mehr betrieb.

4. Leerstand und baulicher Verfall

Von nun an wurde das Gebäude nicht mehr als Scheune genutzt. Der bauliche Zustand verschlechterte sich, weil keinerlei Erhaltungsmaßnahmen erfolgten. Der neue Besitzer stellte einen Abbruchantrag.

5. Wiederentdeckung und Rettung

Eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Werra-Meißner-Kreis forderte seit Mitte der 1980er Jahre die Erhaltung der Synagoge. Nachdem sowohl die Stadt Waldkappel als auch der Landkreis einen Kauf der Synagoge ablehnten, pachtete der damalige Waldkappeler Bürgermeister Peter Hillebrandt als Privatmann die Synagoge, um sie für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Gebäude wurden unter Denkmalschutz gestellt.
Die Synagoge wurde in Dach und Fach instandgesetzt und damit vor dem Verfall gerettet. Der Besitzer verlängerte jedoch im Jahr 2005 den Pachtvertrag nicht mehr. Er bot dem Land Hessen die Immobilien zum Kauf an. Über den Kaufpreis konnte jedoch keine Einigung erzielt werden. Es kam zu gerichtlichen Auseinandersetzungen über die bauliche Unterhaltung der Gebäude.
Der Besitzer untersagte den Zutritt zum Grundstück und zu den Gebäuden.


Zeitstrahl

1724

Die Entstehung der jüdischen Gemeinde geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück.

Bereits im Jahre 1814 wird eine Synagoge in Harmuthsachsen erwähnt, deren Lage unbekannt ist.

Das Gelände, das die jüdische Gemeinschaft zur späteren Nutzung einer neuen Synagoge erwirbt, ist ursprünglich ein Bauernhof. Die Gebäude lassen sich zum Teil bis auf die Zeit von 1670 zurück datieren.

um 1830 – Ursprungszustand vor Umnutzung

1838

Die Karte zeigt den Bauzustand der Parzelle von Vermessungsarbeiten, die zwischen 1820 und 1838 stattfanden.

1831 Erwerb einer bäuerlichen Hofanlage durch die jüdische Gemeinde in Harmuthsachsen.

1833 Nach Umbau einer Scheune zur Synagoge wird diese geweiht. Die Weihe und Errichtung eines Dachreiters, der als “baupolizeilich unzulässig” gilt, findet Erwähnung in der Literatur.

1840 – Anbauten zur Umnutzung als Synagoge

1852

1852 finden in Harmuthsachsen erneut Vermessungen der Grundstücke statt. Die Einteilung der Parzellen unterscheidet sich von den heutigen.
Der nordseitige Eingang zur Mikwe im Erdgeschoss des Lehrerwohnhauses existiert laut den Zeichnungen der Vermessung noch nicht.

1920

Das Foto von 1920 zeigt die Bilsteinstraße mit dem vorspringenden Vorderhaus des Synagogenensembles.

Bis in die zwanziger Jahre hinein verdichten sich die Grundstücke um die Synagoge herum immer mehr.

Auch auf dem Synagogengelände finden Bautätigkeiten, wie etwa der nordöstliche Anbau des Lehrerwohnhauses mit Mikwe und zugehörigem Zugang und der Anbau zwischen Lehrerwohnhaus und Vorderhaus, sowie das Zwerchhaus am Selbigen, statt.

1926 – Anbau von Mikwe und weitere Verdichtung

1926

Das Foto, das 2002 in New York entdeckt wurde, zeigt die Synagoge im Jahre 1926.

1936 Auflösung der jüdischen Gemeinde in Harmuthsachsen.

1938 Verkauf der Synagoge an die Familie Mengel. Die rituellen Gegenstände der Synagoge werden nach Kassel gebracht und dort während des Novemberpogroms zerstört.

1985 – Abbruch von Bauelementen jüdischer Nutzung

1985

Aufnahme von 1985

1985 Wiederentdeckung der Synagoge durch die Architektin Thea Altaras und die Historiker Kollmann und Wiegand. Die Bausubstanz der Synagoge befindet sich mittlerweile in einem schlechten Zustand.

Über die Jahre wurden der Dachreiter und die Mikwe samt ihrem Zugangsbau abgerissen und durch eine Garage ersetzt.
Das Vorderhaus wurde, insbesondere im Erdgeschoss, stark verändert.

1986

1990 Die Gemeinde möchte das ehemalige Synagogengebäude, welches inzwischen unter Denkmalschutz steht, wieder sanieren. Zu einer Einigung mit dem Besitzer kommt es zunächst nicht.

1996 Der Besitzer möchte das Gebäude abbrechen, was in einem Klageverfahren zurückgewiesen wird.
Durch einen Vergleich mit der Gemeinde gelingt es dem Bürgermeister von Waldkappel das Gebäude für 5 Jahre zu pachten um es sanieren zu lassen.

2001 – Erste Sicherung und Rekonstruktion

2003

1998 Beginn der Sanierungsarbeiten. Die Rekonstruktion der äußeren Hülle und des Dachreiters basieren auf zwei Ortsansichten und dem Foto von 1926.

Die Nutzung als Scheune ist im Eingangsbereich noch gut ablesbar und das Gebäude zeigt sich nach der Sanierung, im Gegensatz zu seiner Nutzungsphase als Synagoge, unverputzt und mit Sichtfachwerk. Im Inneren wird eine Sicherungskonstruktion aus Holz eingebaut.

2008 – Abbruch auf den Nachbargrundstücken

2008

2004 Bürgermeister Peter Hillebrandt erhält für sein Engangement für die Instandsetzung der Synagoge den hessischen Denkmalschutzpreis.

2005 Der Besitzer verlängert den Pachtvertrag nicht mehr.

Zwar bietet er dem Land Hessen das Gelände zum Kauf an, es kam aber zu keiner Einigung über den Kaufpreis.
Der Besitzer untersagt den Zutritt zum Grundstück und zu den Gebäuden.

2018 – Weitere Abbrüche und Gefahr für die Synagoge

2018

In den unmittelbar angrenzenden Grundstücken kommt es zu Gebäudeabbrüchen:

2017 Der Abbruch des nordwestlich an die Synagoge angrenzenden Gebäudes legt die Giebelwand frei, wodurch diese der Witterung ausgesetzt ist. Auch am Dach werden Schäden sichtbar.

2019 Das öffentliche Interesse an der Synagoge steigt und es wird in den Lokalmedien über den Zustand berichtet.

2023

2023 Dem Verein “Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner -Kreis” gelingt der Erwerb des Ensembles für 30.000 €.

2024 Notsicherung der westlichen Giebelwand. Diese soll austrocknen bevor sie anschließend verschalt wird. Am Zwischenbau zwischen Vorderhaus und Lehrerwohnhaus sind mittlerweile gravierende Schäden zu Tage getreten.

2025 – Notsicherungen und öffentliche Nutzung

2025

Der Zwischenbau wird aufgrund von Einsturzgefahr abgetragen und die Giebelwand der Synagoge mit einer Holzschalung vor eindringender Feuchtigkeit geschützt.

Die Synagoge wird mit einer offiziellen Eröffnung erstmals wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Verfolgung durch die Kasseler Gestapostelle 1933-45


Verfolgung durch die Kasseler Gestapostelle 1933-45

Deportationen von Jüdinnen und Juden aus Harmuthsachsen durch die Gestapo Kassel 1941 / 1942


Die Verfolgung der Harmuthsächser Jüdinnen
und Juden durch die Kasseler Gestapostelle

Die im Mai 1933 im Polizeipräsidium Kassel gegründete Gestapostelle war für die 2,5 Mio. Einwohner des 17.000 Quadratkilometer großen Regierungsbezirks Kassel zuständig, zu dem auch für die Ortschaft Harmuthsachsen gehörte. In der Gestapostelle war das Referat II B für die Verfolgung von Juden zuständig.
Der rassistischen Verfolgung waren nicht nur gläubige Juden ausgesetzt, sondern alle, die gemäß den Nürnberger Rassegesetzen jüdischer Abstammung waren.

Als die Nationalsozialisten im März 1933 die Macht übernahmen, befand sich die jüdische Gemeinde in Harmuthsachsen schon in Auflösung. In den folgenden Jahren zogen viele von ihnen nach Kassel, andere flüchteten ins Ausland. Manche von ihnen waren allerdings bereits vor 1933 weggezogen, wie etwa das Ehepaar Berthold und Emma Haller, das 1927/28 mit seinen Kindern nach Niederzwehren verzogen war. Ihre 1912 geborene Tochter Ruth, die sich bereits 1930 dem oppositionellen kommunistischen Jugendverband angeschlossen hatte, nahm die Kasseler Gestapo 1933 und erneut 1936 in sogenannte „Schutzhaft“. Im Rahmen der Reichspogromnacht ließ die Gestapo die in Harmuthsachsen geborenen Juden Theodor Hammerschlag und Julian Lorge am 10. November 1938 von ihrem neuen Wohnort Kassel in das KZ Buchenwald deportieren. Über weitere Verfolgungsmaßnahmen, denen Harmuthsachsener Jüdinnen und Juden seitens Kasseler Gestapo ausgesetzt waren, ist bislang mangels Forschung und der Vernichtung vieler NS-Akten kaum etwas bekannt. Aktenkundig ist allerdings die systematische Ermordung der nicht emigrierten Juden ab Spätherbst 1941, als die NS-Führung ihre Politik der „Endlösung der Judenfrage“ ins Werk setzte. Zu deren Umsetzung organisierte die Kasseler Gestapo drei Großtransporte in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten mit insgesamt 2371 Juden: Am 9. Dezember 1941 zum Zwangsghetto Riga, am 1. Juni 1942 zu den Konzentrationslagern Majdanek und Sobibor und am 7. September 1942 zum Konzentrationslager Theresienstadt. Diesen Deportationen fielen auch achtzehn ehemalige BürgerInnen aus Harmuthsachsen zum Opfer, von denen nur zwei die Shoa überlebten und eine nach Palästina / Israel auswanderten. Einzelne von ihnen verstarben in den Konzentrationslagern Auschwitz, Dachau, Kauen und Treblinka, in die sie von Riga und Theresienstadt weiterdeportiert worden waren.

Bereits vor ihrer Deportation waren die Harmuthsachsener Jüdinnen und Juden schweren Verfolgungen durch die Gestapo ausgesetzt. Die meisten vom ihnen waren zuvor in Judenhäuser in der östlichen Kasseler Innenstadt – Große Rosenstraße 22, Schillerstraße 7, Schillerstraße 9 – , im israelitischen Altersheim in der Mombachstraße 17 und der Judenbracke des Lagers Wartekuppe kaserniert worden. Zahlreiche weitere Juden aus Harmuthsachsen wurden aus verschiedenen anderen Städten des Reichsgebiets bzw. nach zunächst erfolgreicher Flucht aus den seit 1940 besetzten Niederlanden deportiert und ermordet. Ruth Haller gelang es nach Ende ihrer Schutzhaft 1938 nach Argentinien zu emigrieren, Theodor Hammerschlag migrierte nach Freilassung aus dem KZ Buchenwald in die USA und nahm dort „Hammon“ als neuen Nachnamen an, Meta Hammerschlag wanderte nach ihrer Befreiung 1945 nach Palästina/ Israel aus.


Wege und Biographien von jüdischen Verfolgten aus Harmutsachsen

Die Karte zeigt die Lebenswege von 21 Harmuthsachsener Jüdinnen und Juden auf, die von der Kasseler Gestapostelle verfolgt wurden. Viele waren in Harmuthsachsen gebürtig, aber insbesondere einige Frauen zogen von andernorts zu. Ihre Verfolgung wurde von Kassel aus organisiert und von hier gingen auch die drei großen Deportationen zwischen Juni 1941 und September 1942 aus. Nur vier überlebten und emigrierten noch in den 1930 Jahren nach Argentinien und in die USA bzw. nach der Befreiung 1945 nach Palästina/ Israel. Jüdinnen und Juden aus Harmuthsachsen, die außerhalb des Regierungspräsidium Kassel verhaftet und deportiert wurden – wie etwa in Berlin und den Niederlanden, sind hier nicht dargestellt.

Die im Folgenden kurz geschilderten Lebenswege von zwei jüdisch erfolgten aus Harmuthsachsen und ihren Familien zeigen exemplarisch das Schicksal der Gemeinde im NS-Regime auf:

Julian Lorge

Julian Lorge, Sohn von Ellas Lorge und Hendel Lina Lorge, kam 1877 in Harmuthsachsen als ältestes von fünf Geschwistern zur Welt. Im Juni 1909 heiratete er Jenny Hammerschlag und war als Kaufmann tätig. Das Ehepaar hatte vier Kinder, von den aber bereits zwei Ende 1921 ihr Leben verloren.
Etwa 1935 zog die Familie nach Kassel um. Ende Oktober / Anfang November 1938 gelang es seinem 24-Jahre alten Sohn Eric, in die USA auszuwandern. Kurz darauf wurde Julian im Rahmen der Reichspogromnacht 1938 am 10. November in das KZ Buchenwald deportiert, wo er gut zwei Wochen später wieder entlassen wurde und nach Kassel zurückkehrte. Die Familie musste in das „Judenhaus“ in der Schillerstraße 9 ziehen, von wo Julian, seine Ehefrau Jenny und ihr Sohn Heinz am 09.12.1941 in das Zwangsghetto Riga deportiert wurden. Während es keine Informationen über den Verbleib der Eltern gibt, ist über ihren Sohn Heinz bekannt, dass er Anfang August 1944 in das KZ Dachau deportiert wurde, wo er am 16. April 1945, zwei Wochen vor der Befreiung, zu Tode kam.

Ruth Haller

Ruth Haller kam am 1. August 1912 in Harmuthsachsen als dritte Tochter von Berthold Haller und Emma Lea Haller, geborene Strauss, zur Welt. Ihr Vater war aus Oberheyduk (Oberschlesien) hierhin zugewandert. Nach der Heirat im Jahr 1908 hatte er zunächst den Eisenwarenhandel seines Schwiegervaters Levi Strauss übernommen.
Ruths ältere Schwester Gretel wurde mit 10 Jahren 1919 auf die jüdische Schule in der Großen Rosenstraße in Kassel geschickt, weil die Lehrerstelle an der jüdischen Schule in Harmuthsachsen schon länger unbsetzt war. Gretel wohnte im Heim des Schwesternbundes in der Jordanstraße in Kassel, später nahm sie eine Lehre in Kassel auf, wanderte aber schon 1928 in die USA aus.
Ihre Eltern und Geschwister zogen 1927/28 nach Niederzwehren, wo der Vater erneut eine Eisenhandlung eröffnete. Ruths zweite Schwester Maria absolvierte zunächst eine Schneiderlehre in Kassel. Sie schloss sich der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung an und bereitete sich durch Tätigkeiten in Gartenbau und Landwirtschaft auf eine Auswanderung nach Palästina vor. Im Sommer 1933 migrierte sie nach kurzem Aufenthalt in Holland nach Jaffa (Palästina), später Ramat Gan. Ruth absolvierte eine Kochlehre, u.a. im jüdischen Altersheim in der Murhardtstraße. 1930 trat sie in den Kommunistischen Jugendverband ein und war bald darauf auch Mitglied in der KPD. Ab 1933 war die väterliche Eisenhandlung Boykottaufrufen ausgesetzt, ein antisemitischer Überfall im Herbst 1935 zwang ihn zur Geschäftsaufgabe, die Familie zog nach Kassel. Ruth war zudem zu dieser Zeit erneut wegen ihrer Tätigkeit beim inzwischen verbotenen Kommunistischen Jugendverband verhaftet worden. Nach zwei Jahren Untersuchungshaft wurde sie verurteilt, kam aber wegen der langen schon abgesessenen Haftzeit bald frei und wanderte unverzüglich nach Argentinien aus, von wo sie später in die USA übersiedelte. Dort lebte auch ihre Schwester Gretel. Alle drei Schwestern konnten sich also ins Exil retten.

Ihre Eltern überlebten den Holocaust aber nicht. Zunächst im Lager Wartekuppe in Niederzwehren interniert, wurden sie von dort am 7. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Während Berthold im Alter von 63 Jahren in Theresienstadt verstarb, wurde seine Frau Emma Lea am 18. Juni 1944 nach Auschwitz weiterdeportiert und dort ermordet.


Die Sichtbarkeit der Synagoge

Fotoarbeit von Dominik Müller

Die fotografische Dokumentation folgt einer bewussten Annäherung von außen nach innen, um die Relation von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Synagoge in Harmuthsachsen aufzuzeigen und gegenüberzustellen. Dabei wurde sich schneckenhausartig, die Synagoge umkreisend, dem Ort genähert.
Im Gegensatz zur Synagoge sind zwei weitere Türme innerhalb des Ortes, der christliche Kirchturm und der Feuerwehrturm, klar lesbar. Sie tauchen auf den Fotos immer wieder auf und dienen als optischer und konzeptioneller Bezugspunkt: Sie erfüllen uneingeschränkt ihre architektonische und kommunikative Funktion als Turm und markieren gut sichtbar die zentralen Orte christlicher und kommunaler Praktiken.
Je näher man sich ins Dorf vorwagt, desto deutlicher wird die Fragilität der Präsenz der Synagoge. In der Bildfolge spiegelt sich ein Spaziergang wider. Dieser beginnt an den äußeren Dorfgrenzen: vom alten jüdischen Friedhof oberhalb Harmuthsachsens im Wald, wo der Turm der Synagoge nicht sichtbar ist, bis hinein in den Hinterhof der Synagoge und des angrenzenden Nachbargrundstücks. Die Wahl der Vorgehensweise der Annäherung, und die daraus resultierende Reihenfolge der Fotos zielen darauf ab das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie sich Wahrnehmung und Bedeutung eines Bauwerks mit der Distanz verändern.
Das Fotografieren selbst war ein Prozess des Suchens. Der Blick während der Aufnahme war dabei stets in Richtung der Synagoge gewendet, um den oft nur erahnbaren Turm der Synagoge festzuhalten. Dabei sind auch Fotos entstanden, bei welchen die Sicht auf diesen durch Gebäude oder Bauwerke versperrt ist. Diese Unsichtbarkeit soll die eingeschränkte Wirksamkeit des Turms als Landmarke/Zeichengeber aufzeigen.

Die Arbeit dient ebenso als Bestandsaufnahme des Ortes Harmuthsachsen im Frühjahr 2025, wenn das Laub an den Bäumen spärlich sichtbar ist und der Turm der Synagoge in der laubfreien Jahreszeit kurzzeitig sichtbar wird. Die Arbeit zeigt also nicht nur die jetzige architektonische Konstellation des Ortes, sondern auch den Einfluss des baulichen Geschehens im ländlichen Raum, das ehemals verborgene Blicke auf die Synagoge freilegt.